Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass offensichtlich immer weniger Menschen die Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen? Geht es Ihnen gar selbst so? Sobald Ihnen irgendein Missgeschick passiert ist, liegt es natürlich nicht an Ihnen. Schließlich kann und darf es ja nicht sein, dass Sie womöglich noch zugeben müssen, Sie wären ungeschickt oder im Unrecht.

Im Beruf und in der Politik gibt es scheinbar Wettbewerbe, nach Krisensituationen so schnell wie möglich einen Schuldigen zu finden. Ich glaube, eine naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeit erkannt zu haben: Die Zeit bis zur Präsentation eines Sündenbocks ist umgekehrt proportional zu der Zeit für die Lösung des Problems. Mir kommt dabei der Mathematikunterricht in den Kopf, und vor meinem geistigen Auge erscheint ein Graph ähnlich zur Funktion y=1/x, wobei ich auf der x-Achse die Zeit zum "Auffinden eines Sündenbocks" und auf der y-Achse die "Jetzt haben wir eine tolle Lösung"-Zeit auftrage. Um die Zeit auf der x-Achse möglichst klein zu halten, wird anscheinend immer öfter nach dem Motto verfahren: Erst suchen wir einen Schuldigen, dann eine Lösung. Anders herum wäre es meiner Meinung nach vernünftiger, aber ich kann mich auch irren …

Als weiteres Beispiel fällt mir das Rechtsempfinden prozesswütiger Kläger ein, die bis vor kurzem nur in den USA beheimatet waren. Wir kennen bisher nur die USA als Land der unbegrenzten Dummheiten, aber vor einigen Jahren scheint es sich selbst in Deutschland herumgesprochen zu haben, dass Dreistigkeit siegt (laut meinem letzten Kenntnisstand in diesem besonderen Fall aber zum Glück nicht). Hier geht es um Herrn Hans-Josef Brinkmann (selbst Richter), der wiederholt bei dem Versuch gescheitert ist, die Firma Masterfoods, einen Hersteller von Schokoriegeln, für seine Diabetes verantwortlich zu machen. Das in dem genannten Prozess gefällte Urteil kommt meinem persönlichen Rechtsempfinden sehr entgegen. Meiner Meinung nach sollte ein Mensch ab einem gewissen Alter sowohl das Wissen haben, was ihm nutzt oder schadet, als auch sich seines freien Willens bewusst werden, den wir ja spätestens von den großen neuzeitlichen Philosophen zugesprochen bekommen haben. Ich persönlich bin kein Anhänger der Lehre einer deterministisch bestimmten Welt und denke, dass Menschen eben diesen freien Willen besitzen. Insofern kann ich mich in jeder Situation entscheiden, wie ich möchte oder es für geboten halte (sehen wir einmal von ungewöhnlichen Situationen ab, in denen zum Beispiel jemand bedroht wird, und so zu einer bestimmten Handlungsweise oder Entscheidung genötigt wird). Auf meine Entscheidungen oder Handlungen folgen natürlich weitere Ereignisse, dessen muss ich mir aber bewusst sein, und ich muss somit nicht nur für die Handlungen oder Entscheidungen die Verantwortung übernehmen, sondern auch für deren Folgen.

Eventuell lässt sich auch die Wahlmüdigkeit vieler wahlberechtigter Bürger unseres Landes damit erklären, dass niemand mehr für das Setzen seines Kreuzchens verantwortlich gemacht werden möchte. Es ist schließlich einfacher, sich über die Regierung zu beschweren, wenn man behaupten kann, dass man der regierenden Partei nicht seine Stimme gegeben hat. Und dessen kann man sich vorher nur sicher sein, indem man gar kein Kreuzchen macht. Ich selber gehe zu jeder Wahl; ob ich hinterher mit den Ergebnissen zufrieden bin, sei einmal dahingestellt. Aber zumindest habe ich durch mein Kreuzchen versucht, meine Verantwortung für das politische Gelingen zu übernehmen.

Apropos "Verantwortung übernehmen": Ist in irgendeinem Bereich etwas schiefgegangen, übernimmt derjenige, der den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen hat, in fast allen mir bekannten Fällen die Verantwortung, indem er zurücktritt. Für mich sieht dies eher nach "aus der Affäre stehlen" aus. Meines Erachtens übernimmt Verantwortung derjenige, der solange im Amt bleibt, bis die Karre aus dem Dreck gezogen ist. Wer's verbockt hat, soll es auch gefälligst wieder ausbügeln!

Übrigens: Haben Sie die Stelle bereits gefunden, an der selbst ich, ganz entgegen meinen Prinzipien, die Verantwortung abwälze? Irgendwo in den Tiefen der Seltsamen Farben muss die Stelle doch zu finden sein. Und so einen Quatsch mache ich eben auch mit, um ganz bösen finanziellen oder strafrechtlichen Folgen aus dem Weg zu gehen. Das mache ich aber ausdrücklich nur, weil ich weder Geld noch Lust habe, in irgendwelchen Prozessen eine besondere Rolle als Beklagter zu spielen.

© 2006 Toke Kallweit